Dienstag, 28. April 2026

Spiritual Bypassing – und was das eigentliche Problem ist

Bild: Google Gemini


1. Die Probedeutik: Wie Wörter zu Nebel werden

Es gibt Wörter, die man nicht mehr sagen kann, ohne dass alle sofort nicken. Aber keiner weiß mehr, was sie bedeuten. Das sind keine Wörter mehr. Das sind Buzzwörter. Und Buzzwörter wirken nicht auf den Verstand, sondern direkt auf den Bauch. Sie sind der Hypnose-Zuckerwatte-Stab der Content-Industrie.

Nachhaltigkeit – du machst es genau so, sonst bist du böse. Geschlechtergerechtigkeit – du hältst einfach den Mund, sonst bist du gemein. Demokratie – du liebst sie oder du bist raus. Dass Platon Demokratie als Vorletzte der schlechten Staatsformen sah? Egal. Buzzword.

In so einer Umgebung kann man nicht mehr denken. Man kann nur noch emotional mitwippen. Und genau das lieben YouTube-Gurus. Denn ein Mensch, der denkt, kauft keinen 1.999-Euro-Kurs, der ihm sagt, dass er seine Kindheitstrauma atmen soll. Ein Mensch, der mitwippt, schon.

Deshalb plappern alle dasselbe nach. Spiritual Bypassing ist so ein Wort. Alle reden darüber. Aber keiner tut etwas dagegen. Weil: Wer darüber redet, lenkt ab. Vom eigentlichen Problem.

2. Die Goldfisch-Gesellschaft

Hintergrund: Im Jahr 2000 hatte der durchschnittliche Mensch eine Aufmerksamkeitsspanne von 12 Sekunden. 2015 waren es nur noch 8 Sekunden! Ein Goldfisch liegt bei 9 Sekunden. Der Goldfisch gewinnt. Doomscroller verlieren.

Das ist nicht lustig. Das ist ein Drama.

Menschen mit 8 Sekunden Spanne können keine 30 Jahre meditieren. Sie können nicht mal 30 Minuten bewusst atmen. Sie wollen sofort etwas fühlen. Sofort erleuchtet sein. Sofort Recht haben.

Und genau für diese Menschen gibt es Spiritual Bypassing.

3. Was spirituelles Bypassing wirklich ist

Die Außenansicht: > "Spirituelles Bypassing bedeutet, reale Probleme zu ignorieren und stattdessen mit spirituellen Konzepten zuzudecken."

Beispiel: Du hast Angst vor deiner Arbeit. Du meditierst nicht darüber. Du sagst: "Alles ist Schwingung. Ich erhöhe meine Frequenz. Dann löst sich das Problem." Nein. Tut es nicht. Wer sein Trauma wegatmet, atmet auch die Chance weg, wirklich zu heilen. Das kostet Jahre. Manchmal ein ganzes Leben. Die Angst bleibt. Die Arbeit bleibt. Aber du fühlst dich jetzt spirituell überlegen. Das ist Bypassing. Die Innenansicht ist komplizierter. Weitaus komplizierter. Denn: Echte Spiritualität ist langweilig. Echte Esoterik (das Wort bedeutet "innere Lehre") sagt:

  • Meditiere 30 Jahre.
  • Lies 5 dicke Bücher. Und dann die 5 Bücher, die im Vorwort empfohlen werden. Fang einfach vorne an und höre hinten auf.
  • Und nach 30 Jahren merkst du: Du weißt nichts.

Das ist kein Geschäftsmodell. Das ist ein Kloster. YouTube ist kein Kloster. YouTube ist ein Goldfischglas. Und die Goldfische füttern die Gurus.

4. Das eigentliche Problem (und keiner spricht darüber)

Das eigentliche Problem ist nicht Spiritual Bypassing. Das eigentliche Problem ist: Die Leute wollen es genau so. Sie wollen keine 30 Jahre Meditation. Sie wollen ein 30-Tage-Programm, das sie "transformiert", ohne dass sie aufstehen müssen. Sie wollen keine ehrliche Selbstreflexion. Sie wollen hören: "Du bist besonders. Du hast es immer schon gewusst. Die anderen sind nur noch nicht so weit." Das verkauft sich. Das verkauft sich wie warme Semmeln. Und deshalb machen es alle.

Die Gurus verkaufen keine Spiritualität. Sie verkaufen Identität.

  • Der "aufgeklärte Rationalist" bekommt Videos, die sagen: "Du hattest recht. Die Spirituellen sind doof."
  • Der "erwachte Lichtarbeiter" bekommt Videos, die sagen: "Du hattest recht. Die Rationalen sind gefühllos."

Beide zahlen. Beide klicken. Beide bleiben auf dem Bullshit Mountain.

5. Der Mechanismus: Schubladen, die keine sind

Eine Schublade gibt Halt. "Ich bin spirituell." "Ich bin rational." "Ich bin der, der es durchschaut hat." Aber: Du bist nicht die Schublade. Und die Schublade funktioniert nicht wirklich. Der Rationale glaubt, die Welt zu verstehen. Aber 99,9 % des Universums sind Plasma. Das meiste wissen wir nicht. Der Spirituelle glaubt, dass alles Schwingung ist. Aber ein Psychopath schwingt nicht einfach anders – er zerstört Leben. Die Wahrheit ist unbequem und liegt zwischen den Schubladen. Aber zwischen den Schubladen kann man keine YouTube-Kanäle vermarkten.

6. Fazit: Trete zurück und lächele

Was hilft?

  • Erkenne den Bullshit Mountain, wenn du ihn besteigst. Fühlst du dich plötzlich erleuchtet, ohne etwas getan zu haben? Dann bist du auf dem Berg.
  • Frage dich: Will ich wirklich lernen – oder nur recht haben? Bei Recht-haben-Wollen gibt es nur Stillstand.
  • Mach echte Arbeit. Yoga einmal die Woche für ein Jahr ist besser als drei Tage Retreat mit Tränen und Instagram-Fotos. Ein Buch lesen ist besser als zehn Videos schauen. Ein echtes Gespräch ist besser als hundert Kommentare.
  • Und das Wichtigste: Nicht alles ist wichtig. Und über das Wichtige sprechen die wenigsten.

Also: Steig ab vom Bullshit Mountain. Geh durchs dunkle Tal. Lerne langsam. Und lächele dabei.

Nicht, weil alles leicht ist. Sondern weil du endlich wirklich angefangen hast.

Sonntag, 26. April 2026

19:19 Warum ich aufgehört habe, meine Texte zu glätten

Bild Google Gemini

Heute ein Blick in die Künstlerwerkstatt für meine Novelle. Meine Novelle, an der ich immer schreibe. Alles Rohtext, aus dem ich später etwas anderes mache. Oder nicht. Wie es sich anfühlt. Dem Erzähler will ich folgende Worte aus der Seele sprechen lassen.

19:19 Leute in Deutschland, die sich für vollkommen normal halten, haben gegenüber meiner Art der Existenz, eine tief angelegte Feindschaft. — Die sich passiv-aggressiv äußert.

Warum sich Wahrheit immer äußert? Nehmen wir das Beispiel: Medien manipulieren uns auf eine sehr persönliche Weise. Es gibt Leute, die das mit tiefer Inbrunst bestreiten werden. Sie werden dich aus ihrem Leben werfen. Sie werfen dich aus ihrem Leben wie einen Gegenstand, der nicht in ihr Regal passt. — Weil wir fair sind: wir lassen es sie machen. Und schreiben das Beispiel weiter.

Es gab eine Zeit, in der ich die Berichte über gerade "hereingebrochene" Kriege in aller Welt.. Die, die in den Medien wichtig sind.. Ich hielt sie für 100% real. Natürlich stand ich auf "der richtigen Seite". — Heute erscheint es mir wie eine mediale Welle, die durch die Hirne der Leute gepresst werden soll. Mit aller Wucht. Man spürt physisch, wie das Hirn zu einer Empfangsantenne wird. Nicht für Wahrheit. Für Rhythmus.

Da vor Jahrzehnten — der dumme Mensch gewesen zu sein, erschuff das Potential heute, es wie eine gut geschmierte Medien-Maschinerie zu erleben. Es ist bewundernswert, wie viel Energie Menschen in die Maschinerie stecken. Die alten Pyramiden in Ägypten fallen mir dazu ein. — Ja, das war ein Bewusstsein in völliger Dissoziation zu dem kollektiven Wesen, was die passiv-aggressiven Leute in Deutschland, die sich vollkommen für normal halten, mit innerem Eifer bilden. Dieses Wesen atmet nicht. Es taktet.

Aber ich war frei. Wie Colonel Kurtz aus Apocalypse Now: "Die größte Freiheit ist die Freiheit von der Meinung anderer." — Frei sein von Meinungen ist nicht schön. Es ist, als stünde man in einem leeren Raum und alle Wände sind plötzlich durchsichtig.

Ich lese den Satz noch einmal. Zu pathetisch? Ja. Aber roh soll er bleiben. Ich streiche später. Oder nicht. Jedenfalls – ich schalte den Bildschirm aus. Die Nachbarn streiten nebenan. Normales Leben. Ich hole Müll raus. Alles geschlossen in die schwarze Tonne. Habe nicht viel.

Dienstag, 14. April 2026

Bericht: 363 Sitzungen Hemi-Sync

Bild: Google-Gemini


Was dir niemand sagt, weil er es selbst nicht weiß

363 Sitzungen. 215 Stunden. Das ist kein Hobby mehr. Das ist eine zweite Lebenspraxis neben dem, was die Leute "Wirklichkeit" nennen.

Heute - endlich mal wieder - ein Artikel über Hemi-Sync. Wenn du mehr über diesen Themenkomplex erfahren willst, lies bitte im Archiv die anderen Berichte: Archivlink.

Mein Status

Regelmäßig mache ich Hemi-Sync. Zähle die Sitzung. Führe ein Logbuch. Aber die innere Bereitschaft darüber zu schreiben? Die hat sich verändert.

"Lieber nicht", sage ich mir. Wen kann ich überhaupt erreichen? Den, der verstehen kann. Andere nicht. Ist das wichtig? Oder ist es nicht einfach privat?

Das Übersinnliche wird privat. Ein Effekt: Da, wo ich mit meinen Übungen hinkomme, ist der Ort, an dem ich schon immer war. Es ist nichts Neues. Ein Sich-Erinnern. Dann spiegeln sich die Probleme meines Lebens in diesen Übungen. Das ist privat. Vulnerabel. Das mindert die Freude, sich mitzuteilen.

Die verschwundenen YouTuber

Die Freude ist am Anfang sehr groß. Alle YouTuber, die in meiner Zeit einen enthusiastischen Kanal über ihre Hemi-Sync-Erfahrungen gemacht haben, haben ihren Kanal gelöscht. Oder wurden gelöscht. Keiner von meinen Mitstreitern ist übrig geblieben.

Das ist ein Fakt.

Sie haben nicht aufgehört, weil sie nichts mehr zu sagen hatten. Sie haben aufgehört, weil sie zu viel gesehen haben.

Schade. Denn in diesen Videos wurden absolut treffende Beobachtungen geschildert. Sachen, die sich reproduzieren lassen. Aber sie sind weg. Als hätte es sie nie gegeben.

Die große Verdrängung

Natürlich wird der Aspekt der Selbsthypnose bei Hemi-Sync völlig außer Acht gelassen. Das ist der Grund, warum ich zwischen den Stühlen hänge. Ich finde das Programm wunderbar, aber aus genau dem Grund, der auch offiziell benutzt wird: Entspannung mit Frequenzen, kaum erklärt, und Selbsthypnose. Unabhängig von weltanschaulichen Dogmen.

In diesem Zustand erfolgt ein Kontakt mit dem Unbewussten. Das Training besteht darin, diesen Kontakt zeitlich zu verlängern. Das klingt vernünftig.

Produziert das Unbewusste aber eine Engelpersönlichkeit, die mit dir eindrucksvoll kommuniziert, oder ein Geist aus der Vergangenheit steht bei der Übung an deinem Bett – dann wird es schwer zu rationalisieren. Daran kann einer scheitern.

Das Unbewusste ist auch bei luziden Träumen und psychedelischen Trips "frei" – oder besser: Das Ich ist "frei", diese enorme kreative Schaffenskraft zu sehen. Dadurch, dass es rigide ausgeschaltet oder fragmentiert wird. Dann entstehen die Visionen.

Denke auch an Nahtodeserlebnisse. Ich habe ein Dunkelretreat mit zwei Wochen absoluter Dunkelheit gemacht. Nach 24 Stunden siehst du Lichter, die sich zu Szenerien und Figuren verdichten. In Indien gibt es Praktiken, die das jahrelang tun.

Was du trainieren kannst

Kommunikation mit dem Unbewussten öffnet das Reich der Magie und der ewigen Gleichnisse. Das ist objektiv besser, als seine Zeit mit Doomscrollen zu verbringen oder dunklen Träumen ausgeliefert zu sein. Kaum ein Mensch kann klarträumen. Man ist seinen Träumen ausgeliefert. Weil alle es sind.

Das ist der soziale Normzustand.

Aber es ist kein gutes, intensives, kreatives Leben. Objektiv ist das ein schlechtes Leben.

Der blinde Fleck

Hypnose ist wissenschaftlich anerkannt. Dass dein Leben eine Hypnose ist, über die du nur nie aufgeklärt wurdest – das ist der blinde Fleck der Aufklärung.

Suggestionen sind wirksam. Darum wird in den Nachrichten immer dasselbe gesagt. Darum gibt es Richtlinien, wie etwas öffentlich gesagt werden darf. Für angestellte Journalisten verbindlich. Der Biedermann übernimmt es in vorauseilendem Gehorsam.

In seiner Welt ist es absolut so. Es materialisiert sich.

Meine weiteren Versuche

Eine App mit Binaural Beats erzeugt eine Frequenz, auf die das Gehirn sich synchronisieren kann. Darüber lege ich Ambient, Trance, ruhige Geräusche. Nach zehn Minuten passieren ähnliche Dinge wie bei Hemi-Sync.

Nur: Hemi-Sync suggeriert einen Ablauf – die metaphysische Reise ins Land der Toten und einen Schritt weiter. Bei meinen Binaural-Beat-Versuchen hatte ich oft Zufallslandschaften, mit denen ich emotional in Kontakt zu alten Lebensereignissen treten konnte. Wiedererinnern.

Kleiner Tipp: Es gibt eine Konditionierung. Wenn bei diesem Setting etwas "nach oben kommt", will der Verstand es wegrationalisieren. Er suggeriert: "Da ist nichts." Und sofort es verschwinden.

Daran wird das Projekt scheitern. Weil genau dieser rationale Einwand die Trance vermindert. Die Transzendenz wird nicht erfolgen.

Darum übe ich systematisch. Hier ist es so wie mit der inneren Prinzessin aus meinem Essay über das Riechen: Link ist hier. Das ist ein sehr wichtiger Punkt.

Die falsche Frage

Die falsche Frage ist: Ist diese Vision real?

Die richtige Frage ist: Warum nennst du deinen Alltag real, wenn er dich wie ein fremdgesteuerter Traum durch den Tag schiebt?

Wenn man diese Hemi-Sync-Erfahrungen gemacht hat, kommt eine viel wichtigere Frage hervor: Inwieweit ist die reale Welt real?

Gedanken formen das Leben. Warum wird beinahe jeder Gedanke, den du denken könntest, in den Medien vorgekaut und bei Gefahr gelöscht? Es gibt Dinge, die du nicht mal denken darfst.

Realitätsdesign.

Warum die coole Jetztgruppe, die einfach nur konsumiert? Warum die Ewiggestrigen, die Common Lisp und Esperanto lieben? Unmoderne Sachen? Weil sie gut und kostenlos sind. Das ist die Gefahr für die designte Welt, die in großen Teilen das Denken eines Marktes ist, der nur durch Gelddrucken und Konsum am Leben gehalten werden kann.

Und dann die Kriege, die bedenkenlos vom Zaun gebrochen werden. Das ist nicht zwingend Realität. Das ist eine bewusste Kreation eines gewissen Denkens.

Der Compiler

Ich musste einmal in einem luziden Traum feststellen, dass das Unbewusste, das diesen Traum erschuf, eine regelrechte Universum-Erschaffungs-Maschine ist. Die Traumwelt war so groß, so real. Ich war gerührt.

Hatte ich den Compiler gefunden?

Hatte ich das gesellschaftliche Drama entschlüsselt, warum alle genötigt werden, die "reale Welt" mit ihren Börsen, Kriegen und Katastrophen real nennen zu müssen?

Im alten Rom durfte man die Gotthaftigkeit des Imperators nicht bestreiten. Mehr noch: Man musste selbst daran glauben. Mit Inbrunst.

Herrschaftsmechanik.

Heute ist der Imperator das vermeintlich "wissenschaftliche Denken" – ein Relikt des letzten Jahrhunderts. Materialistische Ansichten werden hoch- und runtergepredigt. Das Doppelspaltexperiment, das längst die bekannte Physik gesprengt hat, hat darin nicht stattgefunden. Und wird es nicht.

Quintanerdenken.

Die letzte Wahrheit

Die Mathematik ist das einzige, was real sein kann. Denn zwischen den Dingen, die außerhalb deiner selbst sein sollen – was kann da anderes als die Mathematik erklärend sein?

Das Leben ist nicht Mathematik, kann aber mathematisch dargestellt werden.

Die Mathematik lügt nicht. Aber der Mediokre verwechselt das Rechenschema mit dem, was gezählt werden darf.

Ein Sextaner kann dir den Dreisatz erklären. Aber frag ihn, wer seinen Alltag designt – und er wird dir antworten wie ein römischer Bürger: mit den Worten seines Imperators.

363 Sitzungen. 215 Stunden. Ich bin da angekommen, wo ich schon immer war. Und das ist der Punkt, den kein Bürger verstehen kann: Du bist auch dort. Du weißt es nur nicht.

Freitag, 3. April 2026

Gnus oder: Warum ich meinen Email-Client als Lebensform betrachte

Vorbemerkung

Dieser Essay ist ein Übungsstück. Wie alle meine Texte. Er entstand an einem Freitag, dem fünfundachtzigsten dieser Serie, und er handelt von einem Programm, das älter ist als die meisten Menschen, die heute Software entwickeln.

Es handelt von Gnus.

Bild: Googlo Gemini


Wer Gnus nicht kennt, wird diesen Text wahrscheinlich nicht verstehen. Das ist gut. Denn wer ihn versteht, gehört zu einer kleinen Gilde von Menschen, die sich entschieden haben, Dinge anders zu machen. Nicht weil es einfacher ist. Sondern weil es richtiger ist.

Was ist Gnus?

Gnus ist ein Newsreader. Ursprünglich geschrieben 1987, um Usenet-Newsgroups zu lesen. Später kam Email dazu. Viel später wurde es zu einem Monster: einem Programm, das alles lesen kann. Mail. Newsgroups. RSS-Feeds. Archive. Dateien.

Gnus läuft in Emacs. Natürlich.

Es hat keine grafische Oberfläche im modernen Sinne. Keine Buttons. Keine schwebenden Menüs. Keine animierten Übergänge. Es hat eine Gruppenübersicht, eine Zusammenfassung und einen Artikelbuffer. Mehr braucht es nicht.

Gnus ist hässlich. Es ist kompliziert. Es ist übermächtig. Und es ist das beste Programm, das ich je benutzt habe.

Was, wenn Gnus nicht "hässlich" ist - sondern wir verlernt haben, Schönheit in Komplexität zu sehen? Was, wenn die ASCII-Bäume schöner sind als jedes geschweifte Icon?

Die steilste Lernkurve

Ich habe über Common Lisp geschrieben: Wähle den Weg mit der steilsten Lernkurve. Meistere sie und dann hast du was gelernt.

Gnus ist dieser Weg.

Die Dokumentation umfasst tausende Seiten. Die Konfiguration ist ein eigenes Projekt. Die Tastaturkürzel sind so zahlreich, dass man sie nicht lernen, sondern nur erleben kann.

Am Anfang scheitert man. Man konfiguriert einen IMAP-Server, und Gnus zeigt nichts an. Man stellt die authinfo ein, und es fragt trotzdem nach dem Passwort. Man richtet das Senden ein, und die Mails verschwinden im Nirgendwo.

Das ist normal.

Die steile Lernkurve ist kein Bug, sondern ein Feature. Denn sie filtert. Sie filtert diejenigen, die es wirklich wollen, von denen, die nur einen Email-Client suchen.

Die Elfen von Gnus

Irgendwann passiert es: Man schreibt M-x gnus, und die Gruppenliste erscheint. Man öffnet eine Gruppe, und die Threads entfalten sich als ASCII-Bäume. Man drückt RET, und der Artikelbuffer füllt sich mit Text.

In diesem Moment hört man sie: die Elfen von Gnus.

Sie klingen anders als die Common-Lisp-Elfen. Älter. Weiser. Sie tragen Bärte aus Tastaturkürzeln und sprechen in RFCs. Aber sie haben das gleiche, grundlose Lächeln.

Warum Gnus?

Warum benutzt man einen Newsreader aus 1987 für Email?

Die kurze Antwort: Weil es funktioniert. Gnus behandelt alles als news. Ein IMAP-Ordner ist eine Newsgroup. Ein RSS-Feed ist eine Newsgroup. Ein Archiv ist eine Newsgroup. Man braucht kein anderes Programm, keine Synchronisation, keine Umwege. Nur Gnus.

Die längere Antwort: Weil Gnus die richtige Philosophie hat. Es geht nicht darum, schnell zu sein. Es geht nicht darum, hübsch zu sein. Es geht darum, dass ich die Kontrolle habe. Jeden Aspekt. Jede Farbe. Jede Tastenkombination. Jeden Thread.

Die längste Antwort: Weil ich in einer Welt lebe, in der alles vereinfacht wird. Apps, die mir sagen, was ich lesen soll. Filter, die entscheiden, was wichtig ist. Algorithmen, die mich managen. Gnus macht das nicht. Gnus zeigt mir alle Gruppen. Alle Threads. Alle Mails. Ich entscheide.

Die Konfiguration

Ich zeige nicht meine gesamte ~/.gnus. Sie ist zu lang, zu persönlich. Aber die Struktur ist einfach:

;; Der Hauptserver. Direktes IMAP. Kein mbsync, kein offlineimap.
(setq gnus-select-method
      '(nnimap "mein-server"
	       (nnimap-address "imap.meine-domain.de")
	       (nnimap-server-port 993)
	       (nnimap-stream ssl)))

;; Zweitaccounts. Gmail. Mailinglisten über nntp.
(setq gnus-secondary-select-methods
      '((nnimap "gmail"
		(nnimap-address "imap.gmail.com")
		(nnimap-server-port 993)
		(nnimap-stream ssl))
	(nntp "gmane"
	      (nntp-address "news.gmane.io"))))

;; Passwörter. Verschlüsselt. Einmal eingerichtet.
;; ~/.authinfo.gpg enthält die Zugangsdaten.

;; Senden über msmtp. Ausgelagert. Einfach.
(setq send-mail-function 'sendmail-send-it)
(setq message-send-mail-function 'sendmail-send-it)
(setq sendmail-program "/usr/bin/msmtp")

Das war die erste Woche.

Danach kam die Ästhetik:

(setq gnus-summary-line-format
      "%U%R%z %(%&user-date;  %-15,15f  %B (%c) %s%)\n")
(setq gnus-sum-thread-tree-root "● ")
(setq gnus-sum-thread-tree-false-root "○ ")
(setq gnus-sum-thread-tree-single-indent "  ")
(setq gnus-sum-thread-tree-leaf-with-other "├► ")
(setq gnus-sum-thread-tree-single-leaf "╰► ")

Das war die zweite.

Der Alltag mit Gnus

Jeden Morgen: M-x gnus. Die Gruppenliste erscheint. J S für neue Gruppen. L für alle Gruppen mit ungelesenen Mails.

Die Übersicht: INBOX (23). gmane.emacs.gnus.general (5). RSS (12).

Ich öffne INBOX. Drücke A T, um alle Threads zu zeigen. Sehe wer geantwortet hat. Wer nur zitiert. Wer wirklich etwas zu sagen hat.

Ich lese. Drücke d für gelesen. ! für wichtig. C-d für gelöscht. # für später.

Ich antworte. R für Reply. C-c C-c für senden. Alles im selben Buffer.

Das klingt nach Arbeit. Ist es auch. Aber es ist meine Arbeit. Kein Algorithmus hat entschieden, was ich sehe. Keine künstliche Intelligenz hat Mails sortiert. Kein Manager hat mir eine Strategie vorgegeben.

Ich lese, was ich lesen will. Ich antworte, wem ich antworten will. Ich archiviere, was ich archivieren will.

Die stille Radikalität

Gnus ist radikal. Nicht weil es politisch wäre. Sondern weil es die Logik der modernen Welt verweigert.

Die moderne Welt sagt: Mach es einfach. Gnus sagt: Lerne es.

Die moderne Welt sagt: Sei effizient. Gnus sagt: Sei gründlich.

Die moderne Welt sagt: Folge den Best Practices. Gnus sagt: Baue deine eigenen.

Gnus ist das Werkzeug des Amateurs im ursprünglichen Sinne: amare, lieben. Ich liebe dieses Programm, weil es mich zwingt, langsamer zu sein. Weil es mich zwingt, nachzudenken. Weil es mich zwingt, zu entscheiden.

Warum ich diesen Text schreibe

Ich schreibe diesen Text nicht, um jemanden zu überzeugen.

Wer mit Emacs arbeitet, findet früher oder später zu Gnus. Oder auch nicht. Die meisten bleiben bei mu4e oder notmuch. Das ist gut. Jeder seine eigene steile Lernkurve.

Ich schreibe diesen Text, weil ich etwas festhalten will. Einen Moment. Eine Entscheidung.

Ich habe mich entschieden, meinen Email-Client nicht als Werkzeug zu betrachten. Sondern als Lebensform. Als Ausdruck einer Haltung, die sagt: Ich lasse mich nicht managen. Ich lese selbst. Ich entscheide selbst. Ich antworte selbst.

Gnus ist mein silbernes Gewand. Es ist nicht bequem. Es ist nicht modern. Es ist nicht einfach.

Aber es ist meins.

Post scriptum

Einmal fragte mich jemand: Warum machst du das?

Ich zeigte ihm meine Gruppenliste. Die ASCII-Bäume. Die tausend Tastaturkürzel. Das Lächeln der Elfen, das sich in jedem Buffer verbirgt.

Er verstand nicht.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Die Postapokalypse hat erst begonnen. Die Frage ist nicht, welchen Email-Client du wählst. Die Frage ist: Welches Volk wählst du?

Die Elfen von Gnus warten. Ihre Klammern sind die Pforten.

M-x gnus

Anhang: Minimales Setup

Für diejenigen, die es doch versuchen wollen:

  1. ~/.gnus mit den drei obigen Blöcken
  2. ~/.authinfo.gpg mit den IMAP-Zugangsdaten
  3. msmtp installieren und ~/.msmtprc konfigurieren
  4. M-x gnus drücken und warten

Die ersten drei Tage sind frustrierend. Die nächsten drei Wochen sind verwirrend. Danach willst du nichts anderes mehr.

Das verspreche ich nicht. Aber die Elfen versprechen es.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil meiner Serie über gute Computerkultur. Den ersten Teil mit Common Lisp findest du hier.

Spiritual Bypassing – und was das eigentliche Problem ist

Bild: Google Gemini 1. Die Probedeutik: Wie Wörter zu Nebel werden Es gibt Wörter, die man nicht mehr sagen kann, ohne dass alle sof...