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| Bild: Google Gemini |
Man stelle sich folgende Szene vor:
Ein Pendel. Unten ein Gewicht, oben eine Hand, die es hält. Der Esoteriker fragt: "Zeige mir den Engel, der über meinem Leben wacht." Das Pendel schwingt. Kreisend, bestätigend. Der Esoteriker lächelt.
Der Kritiker neben ihm: "Nichts als unbewusste Muskelbewegungen. Kleine, nicht wahrnehmbare Zuckungen der Hand. Mikro-Motorik, gesteuert von Erwartung und Suggestion. Alles Unfug."
Beide haben recht. Und beide haben unrecht.
Der Mahamind-Leser, der in der Ecke sitzt und Kaffee trinkt, denkt weiter:
Man kann das Pendel benutzen, um mit seinem Unbewussten zu kommunizieren. Das ist weitaus mehr, als der Esoteriker zu fassen versteht, und unendlich mehr als das kleine Eiland der Rationalität des Kritikers, an dessen Stränden überall Stacheldrahtzäune und große Schilder aufgestellt werden: HIER GEHT ES NICHT WEITER. ENDE DES VERSTANDENEN. KEIN ZUTRITT FÜR UNGELÄUTERTE.
Der Esoteriker betreibt spirituelle Parfümerie. Er will die Essenz, aber er will sie duftend, angenehm, verkäuflich. Die Rationalisten sind die Kastraten des Lebens, die aus Angst vor dem Unkontrollierten ganze Dimensionen der Erfahrung wegamputieren.
Der Mahamind-Leser weiß mehr: Das Pendel ist ein Interface. Nicht zu Engeln, nicht zu Geistern. Sondern zu dem Teil meiner selbst, der sonst nicht spricht, weil das imperative Denken (Mach X für Y! Erreiche Z in drei Tagen!) ihn mit Dauerberieselung übertönt.
Selbstbewusstsein kommt vom Können. Und Können kommt vom Machen. Und Machen kommt vom Fragen, das nicht nach Antworten schreit, sondern nach Resonanz.
Vom Geruch alter Bücher und dem Gestank neuer Versprechungen
Ein Buch über die Gnosis aus dem Jahre 1956 ist mir in die Hände gefallen. Nur 100 Seiten. Gebundenes Papier, das nach Keller riecht, aber nach einem Keller, in dem jemand Wein gelagert hat, nicht Schimmel.
Alles so tiefgründig. Sauber recherchiert. Mit viel Mühe alle Puzzleteile zusammengesetzt – wobei "die Gnosis" immer ein Puzzle bleiben wird, dessen Bild man nie ganz sieht, weil das Fehlen der Teile zum System gehört.
Mir wurde bei so viel Qualität in der Schrift klar, in welchem Niedergang wir im Jahre 2026 leben.
Alle neuen Bücher müssen Mickey Maus Denkblasen des durchschnittlichen Lesers bedienen. Kleine, runde, überschaubare Gedanken. Hui! Da fliegt was! Ist das ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist der Gedanke, den ich gerade hatte, bevor ich aufs Handy schaute!
Diese Texte werden mühsam und zäh, weil alles sich wiederholt. Mache meinen Kurs. Folge meiner Methode. Entdecke das Geheimnis, das nur ich dir offenbaren kann (gegen geringes Entgelt, zahlbar in monatlichen Raten). Oder die Reaktion des Lesers: Ich warte lieber auf den Film. Verfilm es für mich. Mach es leicht. Mach es verdaulich. Mach es zu etwas, das ich konsumieren kann, ohne mitzukauen.
Allein schon, dass die Zitate in diesem Gnostiker-Buch in ihrer Originalsprache stehen – unübersetzt, unbarmherzig, schön – zeugt von einer Kultur, die trotz aller englischen Lehnwörter (die so ungemein modern und gebildet klingen sollen) längst verloren gegangen ist.
Bei meinem gemächlichen Studium der Kabbala fiel mir auf: Moderne esoterische Helfer versprechen, Dinge möglichst einfach erklären zu wollen. Aber das ist gar nicht, was ich will.
Die Motive hinter den Zeilen sind durchsichtig: möglichst einfach schreiben, um möglichst viele zu erreichen, um möglichst vielen Dinge zu versprechen, die der mediokre Mensch sich wünscht: Geld, Kontakt zu Verstorbenen, "Engel" (in Anführungsstrichen, weil man nie weiß, ob der Autor selbst dran glaubt oder nur weiß, dass die Zielgruppe dran glaubt).
Und dann lese ich in meinem alten Buch:
> "Aber über das Bewusstsein hinausgehen ist eben aus der Vernunft fallen."
Dieser Satz weckt mich auf. Er reißt mich aus dem Lesefluss, mit dem moderne Literatur einen oft einzuwickeln versucht – einen hypnotischen Trance zu erzeugen, in dem man weiterschluckt, was immer kommt, weil die Prosa so schön fließt wie ein bequemer Fluss, der einen sanft ins Meer der Bedeutungslosigkeit trägt.
Versteht man das erst, verliert alle Esoterik ihren bunten Schimmer.
Syntax Error: "Elfen nie gesehen, aber sie gibt es"
Ein schlimmes Beispiel aus dem Buch eines gewissen Voggelhubber (Name geändert, aber wer es weiß, weiß es):
> Elfen nie gesehen, aber sie gibt es.
Was soll ich jetzt davon halten?
Ein ganzes Buch schreibt er. Über etwas, das er nicht wirklich kennt. Wie ernst nimmt sich der Autor? Wie ernst nimmt er seine Leser?
Übrigens ist das Buch lektorisiert worden. Das fiel mir besonders negativ auf. Ich denke ja: Man muss nicht fehlerfrei schreiben. Man muss keine Gedanken in sich geschlossen auf den Bildschirm bringen. Unfertiges ist oft ehrlicher als Glattgebügeltes. Aber wenn man einen Lektor bezahlt, bezahlt man ihn dafür, dass genau das nicht passiert.
Hier kommt es zum Syntax Error.
Der Autor schreibt über Dinge mit dem Inbrunst der Überzeugung, von denen er – wie er selber sagt – keine Ahnung hat. Die Motivation, ständig auf Anekdoten aus seinen Kursen zu verweisen, wird dadurch durchsichtig. Das Buch ist ein Warm-up, eine Vorbereitung auf die eigentliche ökonomische Wertschöpfung:
Besuche doch einfach die (sicher teuren) Kurse des Autors. Dann wird es klappen, deinen Schutzengel persönlich zu treffen.
Kritische Leser fühlen sich verarscht. Das ganze wird ein besinnliches Event von euphorischen Fans. Bei Live-Events dieser Art ist Euphorie das wichtigste. Eine bunte Parfümerie der Spiritualität. Jeder wünscht sich was. Aber die Basisnote ist nicht sehr tief.
So empfinde ich das.
Vielleicht finden andere dort Ambrosia und die tiefste Erkenntnis ihres Lebens? Möglich. Ich sehe es wie die guten, alten Verschwörungstheoretiker: follow the cash.
Um zurück zum Wesentlichen zu kommen: Ältere Literatur ist durchaus interessanter. Die Klassiker können dem Weben der Zeit schadlos ausgeliefert sein. Sie stehen für sich selbst. Die schlechten Bücher gehen einfach im Fluss der Zeit unter.
Ich lösche sie dann direkt von der Festplatte und genieße das Gefühl des frischen Potentials in meinem Leben. Wie wenn man den Papierkorb leert und der Computer plötzlich wieder schneller atmet.
Eine kleine Apologie der Dummie-Bücher
Die einzigen Bücher, die versprechen, Dinge möglichst einfach zu erklären, und die tatsächlich gut sind, sind die Bücher der Serie "für Dummies".
Detailierte Einführungen in Themen, die man vorher nicht verstand. Kein Tamtam. Keine Versprechungen von Engeln. Keine Schutzgebühren fürs Jenseits. Nur: So funktioniert das, und wenn du das verstanden hast, kannst du damit arbeiten.
Die Serie wird aus dem Englischen übersetzt. Man liest viel, macht sich Notizen, versteht etwas.
Bei modernen Esoterik-Büchern wäre das vielleicht auch nicht im Interesse der Zielgruppe? Wer Notizen macht, ist kein guter Kurskunde. Wer versteht, braucht keine Schutzengel-Workshops. Wer fragt, kauft keine Antworten.
Krautrock als Exerzitium
Musikalisch schrecklich.
Sicher ist die Musik (von der ich jetzt spreche) dazu gedacht, vorher einen dicken Joint zu rauchen und dann – Balla balla – geht es in abgehobene Klangsphären. Aber es ist auch eine gute Gelegenheit, aus seiner musikalischen Wohlfühlzone auszubrechen.
Was hören wir uns nicht alles an, nur weil es uns gefällt? Nur weil es unseren Erwartungen entspricht? Nur weil wir wissen, was als nächstes kommt, und dieses Wissen uns beruhigt?
Krautrock – mit dem Pathos eines genialen Künstlers gnadenlos daneben zu greifen.
Ausnahme: Tomorrow's Gift. Gefällt mir wirklich.
Analog zum Freejazz gibt es hier Freerock. Finde ich musikalisch am interessantesten. Die Soli mit der Blockflöte sind grandios. Die Sängerin versteht es, einen tief in die Songstrukturen zu locken – nicht durch Gefälligkeit, sondern durch eine Art melodischer Hartnäckigkeit.
Vielleicht ist/war Tomorrow's Gift die begabteste Krautrockband?
Oder vielleicht ist genau diese Frage schon falsch gestellt. Vielleicht geht es nicht um Begabung, sondern um den Mut, mit der Blockflöte in einem Genre zu solieren, das eigentlich nach verzerrten Gitarren schreit.
Hier gibt es Neuland.
Vom Aufwachen im Jetzt
Irgendwann wird jeder merken, dass sein Leben nicht in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft lief, sondern im Jetzt.
(Frei nach Buddha, aber er hatte es nicht patentiert.)
Diesen Gedanken zu realisieren, machte mir erst Angst. Nein, eine eigensüchtige Angst: die Dinge dann nicht mehr – je nach Lage – manipulieren zu können.
Wie mag man im Jetzt sich ausdrücken? Das heißt, der super tolle Traum zu sein, den man leben möchte?
Mein Jetzt war immer von Interessen anderer geprägt, die sie kunstvoll als Hilfsbedürftigkeit verpackten. Das erklärte solche Zweifel. Wenn man ständig die Marionette ist, hat man Angst vor dem Moment, in dem die Fäden durchschnitten werden – nicht weil man dann frei wäre, sondern weil man nicht wüsste, wie man sich ohne fremde Bewegungsanweisung verhält.
"Mach einfach Dein Ding", sagte mir dann eines Tages mein bester Freund. Er war Satanist.
Ich musste dafür erst einmal einen besten Freund bekommen.
Die hohe Kunst des Egoismus. Nicht der klebrige, nehmende Egoismus, der anderen die Luft wegnimmt. Sondern der klare, unterscheidende Egoismus, der weiß: Wenn ich nicht atme, kann ich auch niemandem Luft schenken.
Und da erwachte ich.
Vor mir lag schlafend mein Sohn.
Tiefe Dankbarkeit für den Moment.
Der Traum war vorbei. Ich war aufgewacht.
Nicht in eine neue Illusion. Nicht in eine bessere Geschichte. Sondern in das, was immer schon da war, nur überdeckt von Geschichten, die andere für mich geschrieben hatten.
Vom Gärtner in mir
Ich nehme es einfach als Schwingung in Dir wahr:
Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch ist. Es fühlt sich nach Stress an. Negativer Vibe.
Dann kommt der Gärtner in mir hoch, um die Beete in Ordnung zu halten. Nicht mit der Schere, um abzuschneiden, was nicht passt. Sondern mit der Aufmerksamkeit, die unterscheidet: Das hier ist Unkraut. Das hier ist Gemüse. Beides hat sein Recht – aber nicht im selben Beet.
Nimm einfach mal die Wortwolke aus deinem Text. Analysiere den semantischen Klang daraus.
Wenn deine Fragen an das Universum einen negativen Vibe haben, werden die Antworten entsprechend sein.
Ich habe mir angewöhnt, Fragen mit einem negativen Vibe – nach Möglichkeit – gar nicht mehr zu stellen.
Nicht aus Verdrängung. Nicht aus toxischer Positivität. Sondern aus der einfachen Einsicht: Das Universum ist ein Echo. Was du rufst, kommt zurück. Vielleicht nicht als Strafe, vielleicht nicht als Belohnung – sondern einfach als Resonanz.
Wer im Jammerton fragt, bekommt Jammer-Antworten.
Wer im Staunen fragt, bekommt Welt genug.
Coda: Die Pendelbewegung des Geistes
Das Pendel schwingt zwischen Esoterik und Rationalität.
Zwischen dem Wunsch nach Engeln und der Ernüchterung der Mikro-Motorik.
Zwischen alten Büchern, die nach Wein kellern, und neuen Büchern, die nach Kursgebühren riechen.
Zwischen Krautrock, der mit der Blockflöte ins Nichts greift, und Wohlfühlmusik, die nie aus der Spur fällt.
Zwischen dem Traum, den andere für uns träumen, und dem Erwachen, das immer im Jetzt stattfindet – wenn wir den Mut haben, die Augen zu öffnen, bevor wir wissen, was wir sehen werden.
Die Pendelbewegung des Geistes: Sie hört nie auf.
Aber man kann lernen, sie zu beobachten, ohne selbst das Pendel zu sein.
Man kann lernen, die Hand zu sein, die es hält. Und zu wissen: Die Bewegung kommt von mir. Nicht von Engeln. Nicht von Zufall. Sondern von dem Teil in mir, der spricht, wenn ich endlich still genug bin, um zuzuhören.
Das Pendel ist ein Interface.
Nicht zu Geistern.
Sondern zu mir selbst.
Und das ist weitaus mehr, als der Esoteriker zu fassen versteht, und unendlich mehr als das kleine Eiland der Rationalität, an dessen Stränden die Schilder warnen: HIER GEHT ES NICHT WEITER.
Es geht immer weiter.
Man muss nur bereit sein, die Pendelbewegung auszuhalten.
Das Schwingen zwischen den Welten.
Das Atmen zwischen den Gedanken.
Das Leben zwischen den Geschichten.
Im Jetzt.
Wo immer es ist.
Frage an den Leser, der bis hierher gekommen ist: Was wäre, wenn Du Dein Pendel nimmst – und es nicht nach Engeln fragst, sondern nach dem Teil in Dir, der schon immer wusste, was Du jetzt gerade herausfinden musst? Antworten bitte nicht ins Universum schicken. Das ist eine dieser Phrasen. Aber vielleicht in ein Heft schreiben? Mit Papier. Das riecht nach nichts außer nach Möglichkeit.



