Freitag, 10. Oktober 2025

Die Jesus-Frage: Warum eigenes Denken lohnender ist als Glauben

Bild: Google Gemini

Wenn man die Frage nach der historischen Figur Jesus rational angeht, wird einem sehr schnell klar, dass es den Jesus, so wie er in der Bibel beschrieben wird, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegeben hat. Das ist keine blasphemische Provokation, sondern das Ergebnis einer nüchternen Betrachtung der Quellenlage. Und diese Betrachtung führt zu einer viel spannenderen und persönlich befreienderen Einsicht.

Das Problem mit den Quellen und der Macht

Die historischen Quellen, die ihn bezeugen wollen, sind durch die Bank selbstreferenzielle, christliche Quellen, die Jahrhunderte nach seinem angeblichen Wirken aufgeschrieben wurden. Das ist, als wolle man die Geschichte Napoleons nur anhand der Biografien lesen, die seine engsten Verehrer 200 Jahre später verfasst haben.

Auffällig ist auch der seltsame Römer-freundliche Ton im Neuen Testament. Dieser lässt sich eigentlich nur als eine willkürliche Anpassung des Materials an das römische Machtnarrativ verstehen. Die Botschaft wurde geglättet und angepasst, um in der bestehenden Weltordnung zu bestehen – und sie zu dominieren.

Tatsächlich gab es eine enorme Vielfalt an frühen christlichen Strömungen, die wir heute unter dem Begriff „Gnostiker“ zusammenfassen. Dort wird Jesus mitunter völlig anders dargestellt. Thesen wie „Gott ist der Teufel und der Teufel ist Gott“ stehen da im Raum. Ich verweise auf die Manäer, eine heute noch existierende gnostische Strömung im Irak, die in Jesus sogar einen Betrüger sehen. Hier lohnt sich eigenes Studium ungemein. Die Thesen der Gnostiker hören sich heute erst einmal ungewohnt an. Beschäftigt man sich aber redlich mit ihnen, wird klar, dass ihre Auffassungen genau so richtig oder falsch waren, wie die, der heutigen Christen. Einem kann da das Ausmaß einer zwei Jahrtausenden Gehirnwäsche klar werden.

Das Fazit ist: Aus diesem divergenten, widersprüchlichen Material wurde nach und nach ein Christentum konzipiert, das sich – über 2000 Jahre quod erat demonstrandum – gut mit gesellschaftlichen Machtfragen vereinbaren ließ. Sicher gibt es auch „gnostische“ Elemente, die integriert wurden, um ein bestimmtes Klientel zu interessieren und dann in den Fängen der Obrigkeit zu halten.

Ein Muster, das sich durch alle Religionen zieht

Die christliche Selbstsicht ist durchweg hagiographisch, also heiligenschreibend. Das gilt aber für alle „Buchreligionen“. Beschäftigt man sich damit, wird klar, dass etwas mit diesen „heiligen Texten“ nicht ganz koscher sein kann.

  • Archäologisch gesichert ist, dass es keinen „ersten Tempel“ in Jerusalem in der beschriebenen Pracht gab. Jerusalem war zu der Zeit nicht mehr als ein Hirtendorf. Mehr Ziegen als Menschen. Wenn das so war, was folgt dann für die Historizität von Salomon und David?
  • Der Koran kam nicht aus „einer Quelle“, sondern nachweislich aus mindestens zwei.
  • Auch der Buddhismus wurde demystifiziert: Buddhas Reden waren wahrscheinlich gar nicht seine oder wurden im Nachhinein verändert.

Das Dilemma ist, dass alle diese Bücher von Menschen geschrieben worden waren, die eigene Vorstellungen und Agenden hatten. Das Judentum wollte einen Machtanspruch einer kleinen Gruppe dokumentieren. Das römische Christentum wollte Querdenker ideologisch einfangen. Religion hatte immer sehr viel mit Macht zu tun.

Das unüberwindbare Sprachproblem

Dann kommt das gewaltige Sprachproblem hinzu. Es ist nämlich gar nicht so einfach, Texte 100% identisch von einer Sprache in eine andere zu übersetzen. Realistisch gesagt: Es ist unmöglich.

Besonders deutlich wurde mir das bei Übersetzungen asiatischer Bücher wie dem Dao De Jing oder I Ging. Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten: Wortwörtlich zu übersetzen und ein unverständliches Wirrwarr zu erzeugen (die schlimmsten Bücher zum Lesen) oder sich sehr stark vom Original zu entfernen und knackige, aber verfälschende Texte zu schreiben, die dann einer US-Imbissbudenversion eines heiligen Textes gleichen. Pointiert ausgedrückt.

Oder man nehme die von einem Antisemiten geschriebene Luther-Bibel versus einer „eher runden“ Schlachter-Bibel. Man findet so viele verschiedene Details, die Dinge in völlig anderem Licht erscheinen lassen. Keines dieser Dinge ist per se weniger wahr oder unwahr. Es ist immer ein persönlicher Standpunkt des Übersetzers, der sich in die Texte fortträgt.

Das große Aber: Es gab viele Jesusse

Jetzt kommt das Aber. Es wird sicherlich nicht den Jesus gegeben haben. Aber es wird auf der anderen Seite sicherlich viele Jesusse gegeben haben. Menschen, die archetypisch für den einen Jesus standen, oder dazu verdichtet worden sind. Es gab Jesus-Typen: charismatische Wanderprediger, Heiler und Weisheitslehrer. Und es gibt sie heute noch. Einfach mal die Augen offenhalten. Und diese Leute sagen oft sehr vernünftige Dinge.

Was folgt daraus? Die Aufforderung zum selbstbestimmten Denken

Was also folgt aus diesem Gedankengang?

  1. Historischen Quellen ist nicht zu trauen. Das eigene Bemühen ist notwendig, die Dinge um einen herum zu begreifen.
  2. Dieses Begreifen kann einsam machen, weil es ein individueller Gesichtspunkt sein muss. Kein Mensch denkt von Natur aus in kollektiven Gesichtspunkten.
  3. Eine Gefahr auf der „spirituellen Suche“ ist die Sekte, um sich eben nicht alleine fühlen zu müssen. Aber wenn man akzeptiert, dass dieses Alleinsein dazugehört, kann man sich die Sektenerfahrungen sparen oder erheblich abmildern. Selbst in der heiligen Schar indischer Gurus häufen sich Missbrauchsvorwürfe: sexuell wie finanziell.

Dein Bewusstsein als Portal zur realen Welt

Das Portal zur realen Welt ist dein eigenes, ungefiltertes Bewusstsein. Darum herum kannst du dir dein eigenes Betriebssystem für dein Universum bauen. Und das Universum wird darauf reagieren.

Die unausweichliche Konsequenz: Deine real erfahrene Welt verändert sich, weil sich dein Bewusstsein verändert hat. Du schreibst dein DIY-Evangelium und daraus resultiert ein DIY-Universum.

Das Universum reagiert – nicht, weil es dir gehorcht, sondern weil es dein spiegelndes Feedback-System ist. Das Bewusstsein determiniert das gesellschaftliche Sein. Das ist die qualitative Metamorphose des Lebens.

Kritik: Bin ich dann ein Freak?

Ja. Du bist dann dein eigener Jesus Freak. Der DIY-Jesus. Du folgst nicht den ausgetretenen Pfaden der Jahrhunderte, sondern deiner eigenen, selbst erarbeiteten Wahrheit. Das ist vielleicht der anspruchsvollste, aber auch der ehrlichste und lohnendste Weg, den man gehen kann. Also denk tiefer. Zweifle. Und baue dir dein eigenes Universum.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kommentare sind geschlossen. Wenn Dir meine Gedanken ein Echo entlocken, schreib mir einen gedanklichen Brief an -> E-Mail in der Desktopversion oben rechts.

Das Cockpit verlassen, Anleitung zum Getragenwerden

Bild: Google Gemini Eine kognitive Intervention Okay. Notizbuch auf. Direkter Gedankenfluss. So. Es geht um indirektes positives ...