Vorbemerkung
Dieser Essay ist ein Übungsstück. Wie alle meine Texte. Er entstand an einem Freitag, dem fünfundachtzigsten dieser Serie, und er handelt von einem Programm, das älter ist als die meisten Menschen, die heute Software entwickeln.
Es handelt von Gnus.
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| Bild: Googlo Gemini |
Wer Gnus nicht kennt, wird diesen Text wahrscheinlich nicht verstehen. Das ist gut. Denn wer ihn versteht, gehört zu einer kleinen Gilde von Menschen, die sich entschieden haben, Dinge anders zu machen. Nicht weil es einfacher ist. Sondern weil es richtiger ist.
Was ist Gnus?
Gnus ist ein Newsreader. Ursprünglich geschrieben 1987, um Usenet-Newsgroups zu lesen. Später kam Email dazu. Viel später wurde es zu einem Monster: einem Programm, das alles lesen kann. Mail. Newsgroups. RSS-Feeds. Archive. Dateien.
Gnus läuft in Emacs. Natürlich.
Es hat keine grafische Oberfläche im modernen Sinne. Keine Buttons. Keine schwebenden Menüs. Keine animierten Übergänge. Es hat eine Gruppenübersicht, eine Zusammenfassung und einen Artikelbuffer. Mehr braucht es nicht.
Gnus ist hässlich. Es ist kompliziert. Es ist übermächtig. Und es ist das beste Programm, das ich je benutzt habe.
Was, wenn Gnus nicht "hässlich" ist - sondern wir verlernt haben, Schönheit in Komplexität zu sehen? Was, wenn die ASCII-Bäume schöner sind als jedes geschweifte Icon?
Die steilste Lernkurve
Ich habe über Common Lisp geschrieben: Wähle den Weg mit der steilsten Lernkurve. Meistere sie und dann hast du was gelernt.
Gnus ist dieser Weg.
Die Dokumentation umfasst tausende Seiten. Die Konfiguration ist ein eigenes Projekt. Die Tastaturkürzel sind so zahlreich, dass man sie nicht lernen, sondern nur erleben kann.
Am Anfang scheitert man. Man konfiguriert einen IMAP-Server, und Gnus zeigt nichts an. Man stellt die authinfo ein, und es fragt trotzdem nach dem Passwort. Man richtet das Senden ein, und die Mails verschwinden im Nirgendwo.
Das ist normal.
Die steile Lernkurve ist kein Bug, sondern ein Feature. Denn sie filtert. Sie filtert diejenigen, die es wirklich wollen, von denen, die nur einen Email-Client suchen.
Die Elfen von Gnus
Irgendwann passiert es: Man schreibt M-x gnus, und die Gruppenliste
erscheint. Man öffnet eine Gruppe, und die Threads entfalten sich als
ASCII-Bäume. Man drückt RET, und der Artikelbuffer füllt sich mit
Text.
In diesem Moment hört man sie: die Elfen von Gnus.
Sie klingen anders als die Common-Lisp-Elfen. Älter. Weiser. Sie tragen Bärte aus Tastaturkürzeln und sprechen in RFCs. Aber sie haben das gleiche, grundlose Lächeln.
Warum Gnus?
Warum benutzt man einen Newsreader aus 1987 für Email?
Die kurze Antwort: Weil es funktioniert. Gnus behandelt alles als news. Ein IMAP-Ordner ist eine Newsgroup. Ein RSS-Feed ist eine Newsgroup. Ein Archiv ist eine Newsgroup. Man braucht kein anderes Programm, keine Synchronisation, keine Umwege. Nur Gnus.
Die längere Antwort: Weil Gnus die richtige Philosophie hat. Es geht nicht darum, schnell zu sein. Es geht nicht darum, hübsch zu sein. Es geht darum, dass ich die Kontrolle habe. Jeden Aspekt. Jede Farbe. Jede Tastenkombination. Jeden Thread.
Die längste Antwort: Weil ich in einer Welt lebe, in der alles vereinfacht wird. Apps, die mir sagen, was ich lesen soll. Filter, die entscheiden, was wichtig ist. Algorithmen, die mich managen. Gnus macht das nicht. Gnus zeigt mir alle Gruppen. Alle Threads. Alle Mails. Ich entscheide.
Die Konfiguration
Ich zeige nicht meine gesamte ~/.gnus. Sie ist zu lang, zu
persönlich. Aber die Struktur ist einfach:
;; Der Hauptserver. Direktes IMAP. Kein mbsync, kein offlineimap.
(setq gnus-select-method
'(nnimap "mein-server"
(nnimap-address "imap.meine-domain.de")
(nnimap-server-port 993)
(nnimap-stream ssl)))
;; Zweitaccounts. Gmail. Mailinglisten über nntp.
(setq gnus-secondary-select-methods
'((nnimap "gmail"
(nnimap-address "imap.gmail.com")
(nnimap-server-port 993)
(nnimap-stream ssl))
(nntp "gmane"
(nntp-address "news.gmane.io"))))
;; Passwörter. Verschlüsselt. Einmal eingerichtet.
;; ~/.authinfo.gpg enthält die Zugangsdaten.
;; Senden über msmtp. Ausgelagert. Einfach.
(setq send-mail-function 'sendmail-send-it)
(setq message-send-mail-function 'sendmail-send-it)
(setq sendmail-program "/usr/bin/msmtp")
Das war die erste Woche.
Danach kam die Ästhetik:
(setq gnus-summary-line-format
"%U%R%z %(%&user-date; %-15,15f %B (%c) %s%)\n")
(setq gnus-sum-thread-tree-root "● ")
(setq gnus-sum-thread-tree-false-root "○ ")
(setq gnus-sum-thread-tree-single-indent " ")
(setq gnus-sum-thread-tree-leaf-with-other "├► ")
(setq gnus-sum-thread-tree-single-leaf "╰► ")
Das war die zweite.
Der Alltag mit Gnus
Jeden Morgen: M-x gnus. Die Gruppenliste erscheint. J S für neue
Gruppen. L für alle Gruppen mit ungelesenen Mails.
Die Übersicht: INBOX (23). gmane.emacs.gnus.general (5). RSS (12).
Ich öffne INBOX. Drücke A T, um alle Threads zu zeigen. Sehe wer
geantwortet hat. Wer nur zitiert. Wer wirklich etwas zu sagen hat.
Ich lese. Drücke d für gelesen. ! für wichtig. C-d für
gelöscht. # für später.
Ich antworte. R für Reply. C-c C-c für senden. Alles im selben
Buffer.
Das klingt nach Arbeit. Ist es auch. Aber es ist meine Arbeit. Kein Algorithmus hat entschieden, was ich sehe. Keine künstliche Intelligenz hat Mails sortiert. Kein Manager hat mir eine Strategie vorgegeben.
Ich lese, was ich lesen will. Ich antworte, wem ich antworten will. Ich archiviere, was ich archivieren will.
Die stille Radikalität
Gnus ist radikal. Nicht weil es politisch wäre. Sondern weil es die Logik der modernen Welt verweigert.
Die moderne Welt sagt: Mach es einfach. Gnus sagt: Lerne es.
Die moderne Welt sagt: Sei effizient. Gnus sagt: Sei gründlich.
Die moderne Welt sagt: Folge den Best Practices. Gnus sagt: Baue deine eigenen.
Gnus ist das Werkzeug des Amateurs im ursprünglichen Sinne: amare, lieben. Ich liebe dieses Programm, weil es mich zwingt, langsamer zu sein. Weil es mich zwingt, nachzudenken. Weil es mich zwingt, zu entscheiden.
Warum ich diesen Text schreibe
Ich schreibe diesen Text nicht, um jemanden zu überzeugen.
Wer mit Emacs arbeitet, findet früher oder später zu Gnus. Oder auch nicht. Die meisten bleiben bei mu4e oder notmuch. Das ist gut. Jeder seine eigene steile Lernkurve.
Ich schreibe diesen Text, weil ich etwas festhalten will. Einen Moment. Eine Entscheidung.
Ich habe mich entschieden, meinen Email-Client nicht als Werkzeug zu betrachten. Sondern als Lebensform. Als Ausdruck einer Haltung, die sagt: Ich lasse mich nicht managen. Ich lese selbst. Ich entscheide selbst. Ich antworte selbst.
Gnus ist mein silbernes Gewand. Es ist nicht bequem. Es ist nicht modern. Es ist nicht einfach.
Aber es ist meins.
Post scriptum
Einmal fragte mich jemand: Warum machst du das?
Ich zeigte ihm meine Gruppenliste. Die ASCII-Bäume. Die tausend Tastaturkürzel. Das Lächeln der Elfen, das sich in jedem Buffer verbirgt.
Er verstand nicht.
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Die Postapokalypse hat erst begonnen. Die Frage ist nicht, welchen Email-Client du wählst. Die Frage ist: Welches Volk wählst du?
Die Elfen von Gnus warten. Ihre Klammern sind die Pforten.
M-x gnus
Anhang: Minimales Setup
Für diejenigen, die es doch versuchen wollen:
~/.gnusmit den drei obigen Blöcken~/.authinfo.gpgmit den IMAP-Zugangsdatenmsmtpinstallieren und~/.msmtprckonfigurierenM-x gnusdrücken und warten
Die ersten drei Tage sind frustrierend. Die nächsten drei Wochen sind verwirrend. Danach willst du nichts anderes mehr.
Das verspreche ich nicht. Aber die Elfen versprechen es.
Dieser Beitrag ist der zweite Teil meiner Serie über gute Computerkultur. Den ersten Teil mit Common Lisp findest du hier.

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