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| Bild: Google-Gemini |
Die Sonne steht schon hoch über dem Markt von Kampala, brennt das Wellblechdach gegenüber weiß, lässt die Farben der Kitenge-Stoffe flirren und den Staub über den Staub wirbeln. Vor mir, auf dem wackeligen Plastiktisch, schwitzt mein Glas. Nicht Teetasse. Glas. Dickwandig, randvoll mit dem Goldbraun Ostafrikas. Schwarztee. Mit Ingwer. Vielleicht auch ein Hauch Kardamom, der sich mit dem Abgasduft der Boda-Bodas vermischt. Ich zahle tausend Schilling dafür. Ein lokaler Preis. Kein Touristenpreis. Das ist wichtig.
Ich nehme den ersten Schluck. Er ist süß. Sehr süß. Fast sirupartig. Dann kommt die Hitze des Ingwers, ein linienziehender Blitz im Hals, und erst dahinter, darunter, darin verwoben, der Tee selbst. Kräftig. Malzig. Keine Nuance, keine Blumenwiese, kein chinesisches Geplänkel. Das hier ist eine Behauptung. Eine Tatsache. Wie das Hupen der Minibusse. Man kann sich nicht darüber unterhalten, ob er „gut“ ist. Er ist. Punkt. Sie trinken ihn den ganzen Tag so, sagen sie. Ich glaube es nicht. Das wäre zu viel. Das wäre, als tränke man den ganzen Tag konzentrierte Absicht. Nein, man trinkt ihn einmal. Morgens. Oder so wie jetzt, als Pause, als Satzzeichen im Geschrei des Tages. Ein Aufguss. Die Blätter, diese kleinen, harten, schwarzen CTC-Kügelchen – Crush, Tear, Curl – geben alles auf einmal. Ihr ganzes Wesen. Ihre ganze Seele aus Gerbstoff und Thein. Es ist ein Ultimatum an den Gaumen. Entweder man akzeptiert es, mit Milch und Zucker als Vermittlern, oder man lässt es.
Ich sehe eine Frau, die riesige Säcke mit Sukuma Wiki über ihren Kopf wuchtet. Sie hat keine Zeit für Zweitaufgüsse. Das hier ist ein Kontinent des Erstaustriches. Der ungefilterten, unvermittelten Extraktion. Man presst alles heraus, was geht, sofort. Aus der Erde. Aus der Pflanze. Aus dem Tag.
Da war dieser grüne Tee aus Ruanda. The Vert. In einer schäbigen Plastiktüte im hintersten Regal eines Supermarkts zwischen Rama und Blue Band. Cyohoha. Rukeri. Die Worte klangen wie die Hügel, aus denen er kam. Hochland, über 1800 Meter. Ich brühte ihn auf wie meinen geliebten, zarten Sencha. Drei Teelöffel. Ein Fehler. Es war, als hätte man mir eine Wiese, den ganzen feuchten, wurzeligen, chlorophyllgrünen Boden einer ruandischen Hochebene direkt in die Kehle gekippt. „Urwaldig“, dachte ich. Fast bedrohlich. Ein Raubtier im Becher. Nicht giftig, aber… überwältigend wahr. Keine Eleganz. Echtheit. Roh, wie der Geruch nach Erde nach dem ersten Regen. Ein Islay-Malt unter den Tees. Nicht für jeden. Aber wenn man ihn aushält, dann schmeckt man den Ort. Den vulkanischen Boden. Die kühlen Nächte. Man trinkt kein Getränk, man trinkt ein Terroir, das einen anbrüllt.
Und dann, glaubt man, die Feinheiten zu verstehen, kauft man einen anderen. Rwenzori. Grüntee aus Uganda. Von Mukwano, der großen Marke. Teurer noch. Die Blätter, ganz, schön gerollt, fast elegant. Keine Stängel. Man denkt: Ah, orthodox. Qualität. Geduld. Schichtweise Entfaltung. Was für eine Anmaßung. Was für eine Illusion. Ich trank Aufguss um Aufguss. Nichts. Ein Gespenst von Geschmack. Ein teurer, blasser Schatten. Die Blätter gaben nichts her, weil sie nichts hatten, was sie hätten geben können. Ein Muster ohne Substanz. Ein schickes Kleid über einer Abwesenheit. Ich musste sie im Mörser zerstampfen, nur um eine Dosis zu erzeugen. Sinnlos.
Es ist alles hier, in diesem Glas Schwarztee vor mir. Die Philosophie Ostafrikas, was Getränke angeht. Sie haben die britische Idee des Tees genommen – massentauglich, industriell, den CTC-Prozess – und sie in etwas verwandelt, das Sinn ergibt. Hier. Warum Blätter schonend rollen für fünf blasse Aufgüsse, die niemand Zeit hat zu trinken? Zermalme sie. Zerreiße sie. Presse alles in einer Minute heraus. Hol dir die Kraft. Die Farbe. Die Wirkung. Süße es, würze es, mach es zu einer Mahlzeit in einer Tasse. Das ist Effizienz. Das ist Ehrlichkeit.
Der grüne Ruanda-Tee ist dasselbe Prinzip, nur ohne die Maske der Zivilisation. Ein grünes CTC-Raubtier. Unverschämt. Ungezuckert. Er konfrontiert dich mit der puren, unverfälschten Pflanze in ihrem intensivsten, konzentriertesten Zustand. Er ist kein Genussmittel; er ist eine Erfahrung. Eine Grenzerfahrung. Man trinkt ihn und weiß: So schmeckt diese Erde, wenn sie spricht. Laut.
Die Chinesen schicken uns ihren Abfall. Billige, faden Grüntees, die in riesigen Säcken ankommen. Sie verstehen den Markt nicht. Die Leute hier lachen über diese Schwäche. Oder sie ignorieren sie. Sie wollen Stärke. Sie sind an Adstringenz gewöhnt, an das pelzige Gefühl auf der Zunge vom vielen, starken Schwarztee. Mein ruandisches Raubtier wäre für sie kein Schock. Es wäre eine logische, grüne Variante ihrer eigenen Welt.
Ich wink dem Kellner für ein zweites Glas. „Na ingine,“ sage ich. Noch eines. Der Markt lärmt weiter. Der Tee, dieser einfache, gewürzte, gesüßte Allerweltstee, verbindet mich für einen Moment mit dem Rhythmus um mich herum. Er ist der Puls. Der ruandische Grüntee war der einzelne, wilde Herzschlag eines bestimmten Berges. Beide sind wahr. Aber nur einer lässt sich den ganzen Tag trinken. Oder zumindest, bis die Sonne untergeht und der Staub sich legt und die Stühle auf die Tische gestellt werden.
Ich trinke aus. Der Zucker klebt auf den Lippen. Die Hitze des Ingwers wärmt mich von innen, gegen die abstrakte Hitze der Sonne von außen. Ein Gleichgewicht. Vielleicht geht es nur darum. Die Extreme auszubalancieren. Die Intensität der Erde in der Tasse mit der Süße des Alltags zu zähmen. Den Markt zu beobachten, ein Teil von ihm zu sein, und doch für einen Moment den Geschmack eines einzelnen, einsamen Hügels in Ruanda auf der Zunge zu tragen. Das ist der wahre Reichtum. Nicht der Tee an sich. Der Kontrast. Die Spanne. Zu wissen, dass es das wilde Grün gibt, während man das goldene Braun trinkt.

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