Sonntag, 23. November 2025

Kolumne über das Schreiben - Sol Stein

Bild: Google Gemini

Einleitung Sol Steins Buch "Über das Schreiben" gilt als Klassiker für angehende Schriftsteller. Meine Erfahrung mit dem Werk: Man sieht Texte danach anders. Beim Anschauen jeder Hollywood-Produktion beginnt man plötzlich, Sol Steins Stimme zu hören, wie sie Passagen aus seinem Buch zitiert. Seine goldenen Regeln des Schreibens finden sich nicht nur in Romanen, sondern auch in Drehbüchern, Nachrichten und gesellschaftlichen Narrativen.

Die Brausepulver-Methode Beim Lesen von Steins Sätzen – und denen seiner Epigonen – überkommt mich ein inneres Brausepulvergefühl. Es prickelt, und ich beginne, intensive Süße als nährstoffreich zu empfinden. Das ist der spontane Eindruck, der sich mir aufdrängt: Sol Stein ist absoluter Mainstream. Wichtig zu kennen, aber ebenso wichtig, ihn nicht bedingungslos zu kopieren.

Vom Informationsjournalismus zum Infotainment Die Frage "Wie schreibt man Bücher, die sich gut verkaufen?" führt zwangsläufig zu Massengeschmack und Opportunismus. Mein Erweckungserlebnis waren Sol Steins Ausführungen über den "langweiligen Informationsjournalismus". Tatsächlich bemühten sich Zeitungsartikel früher, objektive Fakten in den Vordergrund zu stellen. Deshalb galt Zeitungslesen als langweilig, doch interessierte Zeitgenossen hatten einen besseren Informationsstand.

Bis Sol Stein sich dem Genre annahm: "Das lesen die Leute nicht! Bring mehr Brausepulver, heißt: Storytelling-Elemente rein". Heute sprechen Nachrichten vornehmlich das Bauchhirn an. Sie werden mit Emotionen verknüpft, die kaskadenartig Reaktionen beim Leser hervorrufen sollen. Das Zeitalter des Informationsjournalismus endete – und Sol Stein läutete das Zeitalter des Infotainments ein.

Der Fluch des Erfolgsrezepts Heute findet sich dieses Prinzip überall. Journalistische Beiträge, die einfach die 5 W des Journalismus beantworten wollen, sind rar geworden. Stattdessen: Infotainment. In einer Welt, wo Meinungen durch soziale Medien fluten, wird echte Information so kostbar wie Wasser in der Wüste. Nachrichten werden zum Spiegel, der einem sagt, was man ohnehin schon weiß. Gesellschaftliche Debatten werden durch "Beflaggung" in sozialen Medien geführt. Regenbogen, Ukraine, Israel – hier wird nicht diskutiert, alles scheint in Stein gemeißelt. Nachrichten schaffen Identität. Und das betreiben dann Spindoktoren, die das Werk Sol Steins verinnerlicht haben.

Das ist Sol Steins Fluch: Literatur wird kommerzialisiert, Leser mit billigem Dopamin süchtig gemacht. Da das physiologisch nicht permanent funktioniert, werden Menschen vor ihren Endgeräten depressiv. Irgendwann ist das Dopamin leer, dann folgt Steigerung des Reizes – "Fearporn". Oder Depression am Ende der Erregungskaskade. Sind blutrünstige Nachrichten nicht zur Belustigung geworden, um heimische Langeweile als wohligen Schutz zu empfinden?

Zwischen Leuchtturm und moralischer Verwahrlosung Sol Steins Buch war zunächst ein Leuchtturm im dunklen Sturm des Unwissens für mich. Da gab es diese Kochrezepte. Aber seine Passagen über Journalismus stießen mich ab. Da wütete ein oberflächlicher Geist, der selbst Nachrichten zum Konsumgut machte. Moralische Verwahrlosung passt nicht zu einem Schriftsteller, auch wenn er sie geschickt als Optimierung für einen großen Leserkreis verkauft.

Tatsächlich quillt unsere Zeit über vor langweiligen Romanen, Drehbüchern und politischen Reden. Was fehlt, ist Authentizität. Man kann Sätze kürzen und pointieren – doch wenn das alles ist, bleibt man an der Oberfläche des Geschehens. Dort, wo man die Mehrheit der Menschen abholt.

Der Lektor vs. der Schriftsteller Sol Stein selbst war nie ein großer Romanschriftsteller. Seine Werke gelten als eher langweilig. Sein Talent war das eines Lektors, der Texte anderer optimierte und damit erfolgreich machte. Ein Lektor korrigiert Bücher und sieht sie deshalb anders als ein Schriftsteller. Das ist wie Yin und Yang. Aus Verlagssicht muss Literatur als Produkt verlässlich sein, um finanziell kalkulierbar zu werden.

"Die Säulen der Erde" oder "Harry Potter"! Viele Leser wollen genau das. Ich mochte diese Romanreihen auch. Also muss es genauso geschrieben werden wie alles vom Erfolgsautor. Der Fluch erfolgreicher Autoren ist, nach ihrem Durchbruch nichts anderes mehr schreiben zu können als das, was sie erfolgreich machte. Stephen King bringt einen Gedichtband heraus? Das verkauft sich nicht. Also folgt immer dasselbe. Ich glaube, Stephen King veröffentlichte deshalb unter Pseudonym – um Stammleser nicht zu verwirren.

Das System der Erwartungen Erfolg bringt Erwartungen mit sich. Moderne Filme müssen heute auch in Asien erfolgreich sein. Deshalb werden asiatische Identifikationsfiguren notwendig. Das sind Regeln, die viele nicht kennen, die aber Produktionsfirmen diktieren. Sie wollen Geld verdienen, also muss das Drehbuch funktionieren – notfalls schreibt es ein anderer um.

Diese ungeschriebenen Regeln entscheiden über Erfolg und Misserfolg. Erfolg bedeutet, langfristig gut zu funktionieren – und gut funktionieren bedeutet, die Erwartungen der Zielgruppe zu bedienen. So entstehen Marken: "Tatort", "Lindenstraße" – längst Institutionen.

Authentizität im Zeitalter der KI Man sollte schreiben wie ein Maler mit Worten, der verschiedene Techniken erlernt. Sol Steins "Über das Schreiben" gehört dazu. Und dann muss man seine eigene Stimme finden. Authentizität wird im Zeitalter der KI, die bessere Texte verfassen kann als viele Autoren, zum wahren Gut. Echte Authentizität in der Unterhaltung ist wie seriöse Information in den Nachrichten – zu seltenem Gold geworden.

Parallelen zu Joseph Murphy Ähnlich erging es mir mit Dr. Joseph Murphy, dem Glaubenssatz-Guru des letzten Jahrhunderts. Vom Fan zum Kritiker. Warum? Joseph Murphy bezeichnete nebenbei "Armut als eine Geisteskrankheit". Nach mehrmaligem Überdenken kam ich zum Schluss: arrogant und abgehoben. Ein Selbsthilfeguru kann sich mit einem Satz demaskieren.

Manchmal ist es nur ein Satz in einem ganzen Buch, der augenöffnend wirkt. Wie bei Sol Stein mit seinen Aussagen über Journalismus. Figuren wie Murphy und Stein werden zu polarisierenden Leitfiguren stilisiert – das ist das Marketing, aus dem auszubrechen ungemütlich wirkt. Doch dieser Bruch weckt auch den Mut, eigene Perspektiven zu entdecken.

Populäres Schreiben ist wie Cola: am Anfang berauschend, am Ende macht es leer, weil es dich übers Ohr haut und du mit weniger Zeit dastehst als vorher.

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