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| Bild: Google Gemini |
Das Buch „Kaffee – ein psychoaktives Genussmittel“ von Markus Berger erschien im Nachtschattenverlag. Dieser Verlag hat eine Reihe von Büchern aus dem Themenkreis Ethnobotanik und der sogenannten psychedelischen Renaissance – im Volksmund: Drogen – im Programm. Optisch sind die Bücher sehr schön gestaltet, und da mich das Themengebiet interessiert, dachte ich mir: Fange mal mit einem harmlosen Thema wie Kaffee an.
Mit etwa einer Minute Lesezeit pro Seite ist das Buch ein Easy Read. Laut Vorwort stellt es eine Zusammenfassung von diversen Notizen über Kaffee dar, die über die Jahre beim Autor angefallen sind. Also: Das Buch, wie auch meine Rezension, nicht allzu ernst nehmen. Kaffeehausgeklatsche, jedoch - wie immer in meinem Blog - mit Abgründen.
Jetzt kommt das Aber.
Vom Easy Read zum Unbehagen
Mein kritischer Blick fing an, als in dem Buch behauptet wurde, das Land Uganda läge in Westafrika. Richtig ist: Es liegt in Ostafrika. Ich fing an, Notizen mit Kritikpunkten zu machen, ursprünglich mit der Absicht, den Lektor des Buches darüber zu informieren. Fehler passieren nun mal. Keine große Sache. Meine Stichpunktliste wurde dann aber länger und die Kritikpunkte zu fundamental. Deshalb entschied ich mich, das in einem Blogpost zu veröffentlichen.
Die sozialkritische Facette und ihr blindes Uganda-Problem
Natürlich versucht das Buch, eine sozialkritische Facette zu zeigen: Auf der einen Seite arme Kaffeebauern, auf der anderen modische Hippster mit Aluminium-Kaffee-Kapseln. Die Lösung, die das Buch zeichnet, ist simpel: Wenn alle „Fair Trade“-Kaffee trinken und auf Aluminium-Kapseln verzichten würden, dann wäre exzessiver Kaffeegenuss – den das Buch propagiert – völlig in Ordnung.
Ich dachte darüber nach und kam zurück zu Uganda, was wirklich in Ostafrika liegt. Meiner Erfahrung nach wird dort de facto kein Kaffee getrunken. Das Land exportiert ihn zwar in großen Mengen, aber die lokale Kaffeekultur ist – außer bei reichen Hauptstadtbewohnern – nicht vorhanden. Auch in arabischen Restaurants gibt es keinen Kaffee. Tee schon. Der ist dann in einer Kanne mit Milch und Gewürzen. Es gibt auch große Anbauflächen für Tee. Aber auch der wird vornehmlich exportiert und landet nur in kleinen Anteilen bei der lokalen Bevölkerung. Was mich persönlich immer in Afrika komisch fühlen ließ, war: es gab am Morgen weder Kaffee noch Tee. Und mit meinen westlichen Morgengewohnheiten kam ich mir entsprechend immer ein wenig dekadent vor. Der weiße Mann, der am Morgen alle verrückt macht, weil kein Kaffee da ist. Dieses Bild entspricht auch genau dem Verhalten des "globalen Nordens".
Das warf eine grundlegende Frage auf: Sind die „armen Kaffeebauern“ in Wirklichkeit nicht sogar die Reichsten des Landes? Richtig arm ist einer, der Grundnahrungsmittel für die eigene Bevölkerung anbaut. Löst „Fair Trade“ also überhaupt das Problem, oder wird es vom „kaffeesüchtigen Westen“ gar nicht verstanden oder sogar „verschlimmbessert“? Fair Trade lindert die Symptome des Kolonialwarenhandels, doch es heilt nicht die Krankheit einer Wirtschaftsordnung, die Anbauflächen für unseren Lifestyle beansprucht, statt für die Grundversorgung derer, die darauf leben.
Die moralische Frage: Genussmittel vs. Grundbedürfnisse
Meine Gedanken gingen noch weiter: Ist es überhaupt moralisch legitim, wertvolle Anbauflächen in Entwicklungsländern für Genussmittelproduktion zu nutzen, die fast ausschließlich in den Ländern des „globalen Nordens“ konsumiert werden? Besser wäre ein gut funktionierender lokaler Markt, der die Bedürfnisse der Bevölkerung kostengünstig deckt.
Und um es klarzustellen: Dollar braucht kein Mensch auf der Welt. Das Geld des Westens hilft auch nicht automatisch dabei, Infrastruktur entstehen zu lassen. Kurz gesagt: Solche Überlegungen hätten den Rahmen des Buches gesprengt. Stattdessen bleiben pauschale Kritikpunkte. Doch wenn ich aus einem ungerechten und ungesunden System aussteigen will, ist der einfachste Schritt: Ich höre einfach auf, Kaffee zu trinken. In dem Buch - und der ganzen medialen Diskussion - sieht es aber nach einem „Whitewashing“ aus, das Einzelheiten in einer moralischen Pose kritisiert, das Problem selbst aber im Raum stehen lässt, weil die Menschen im „globalen Norden“ ihren Kaffee ja so dringend brauchen. Der radikalste Schritt aus dieser Ungerechtigkeit ist nicht der Wechsel der Kaffeemarke, sondern der Ausstieg aus dem System selbst – indem man einfach aufhört.
Verharmlosung und die blinden Flecken der Selbstwahrnehmung
Und ja: Beim Nachtschattenverlag geht es um Drogen und deren unregulierten Gebrauch. Das Gefahrenpotential wird mit dieser Lebenseinstellung oft kleingeredet. So auch in diesem Buch über den Kaffee. Die Tendenz ist eindeutig: Kaffee wird mythisch erhöht und als „Lebenselixier“ geframt. Kritische Stimmen (wie meine) bleibt da nur die Rolle der „Spaßbremse“.
Sicherlich gehört es zum Lebensstil eines „Drögeli“ (Berner Dütsch für Drogenkonsument): Der starke Kaffee am Morgen als Standardrepertoire. Aus pharmazeutischer Sicht ist es aber nicht mehr seriös, bei mehr als fünf Fremdsubstanzen verlässliche Aussagen über die Pharmakodynamik im Körper zu treffen. Und ein „Drögeli“ als Polytoxikomane fängt mit fünf Fremdsubstanzen am Tag erst einmal an. So gesehen finde die Strategie jede psychedelische Droge wissenschaftlich für unbedenklich zu rationalisieren auch methodisch falsch: Weil beim einem Mischkonsum dann Dinge in Betracht kommen, die kein Mensch oder AI mehr kalkulieren kann. Und Kaffee wird neben Nikotin und Alkohol zu den am süchtig machensten Stoffen überhaupt gezählt. Ich empfehle hier das Buch "Rausch" des Notfallmediziners Dr. Gernot Rücker. Alles mit Studien belegt: die am süchtig machendes Stoffe sind nicht Crack, sondern Alkohol, Nikotin und Koffein. Die psychedelische Renessaince argumentiert jetzt: die und die Stoffe wurden zu unrecht kriminalisiert. Aber keiner fragt sich, was jetzt die drei Volksdrogen für einen Schaden anrichten. Also mein Standpunkt: je weniger Droge, desto besser das Leben. Und nicht endloses Lamentieren was denn besser und eben nicht: haste nicht, weisste nicht…
Kaffee wirklich harmlos für alle Menschen?
Dabei liegt es nicht fern, über kritische Wirkungen des Kaffees auf den menschlichen Körper und Geist nachzudenken.
Fakt ist nun mal: Der Körper braucht keinen Kaffee, um zu überleben. Gewöhnt er sich aber an den Konsum, kommt es zu sehr starken Entzugserscheinungen. Darüber wird in dem Buch natürlich nicht geschrieben. Stattdessen liest man über Versuche an Mäusen, die natürlich nicht vergleichbar mit Menschen und haste hier und da. Also etwas, was sich mit eigenen Beobachtungen nicht deckt, sondern irgendwie tröstlich wirkt. Dabei sind die Entzugserscheinungen jedem Kaffeetrinker bestens bekannt. Hier entstehen also kritikwürdige blinde Flecken in der Selbstwahrnehmung.
Ich empfehle, sich Erfahrungsberichte auf YouTube („X Tage ohne Kaffee“) genau anzusehen. Dabei fiel mir auf, dass die Leute erst einmal eine sehr schreckliche Zeit durchmachen, im Nachhinein aber oft schildern, dass Angst- oder Panikerkrankungen ohne Kaffee quasi verschwanden. Kann es sein, dass der alltägliche „Kaffeekult“ bei einigen Angsterkrankungen hervorruft oder diese verstärken kann? Ich fand in den Videos Stimmen, die genau das berichten.
Fazit: Ein Buch, das sich als leichtes, hippes Ethno-Read gibt, aber durch faktische Fehler und eine oberflächliche, verherrlichende Darstellung enttäuscht. Es regt vielleicht zum Nachdenken an – aber wohl eher über sich selbst als über das Thema.
Randnotizen:
Buch: Markus Berger "Kaffee - Ein psychoaktives Genussmittel" (Nachtschattenverlag)
Persönliche Statistik:
- In einer Lesezeit von 2 Stunden, 10 Minuten und 8 Sekunden über 9 Tage gelesen.
- Bei 127 gelesenen Seiten sind das pro Lesetag: 14,11 Seiten.
- Bei etwa 130 Leseminuten und 127 Seiten sind das pro Seite 1,02 Minuten.

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