Freitag, 18. September 2026

Requiem für die Ertrunkenen

Requiem für die Ertrunkenen

Bild: Google Gemini


Die Nacht hat keine Sterne. Sie hat nur Adern. Und in diesen Adern fließt kein Blut. Es fließt Schweigen. Es fließt das, was man nicht mehr sagen kann, wenn man einmal angefangen hat zu lügen. Es fließt der Rost der Hoffnung, der von innen kommt.

Du willst wissen, was Koabhängigkeit ist? Sie ist kein Händedruck. Sie ist eine Kette aus Fleisch und Knochen. Sie ist die Frage, ob du einen Menschen aus dem Feuer ziehst oder mit ihm verbrennst. Nein. Sie ist die Frage, ob du dich selbst aus dem Feuer ziehen kannst. Und ob du das Kind auf deinem Rücken spürst, das noch nicht weiß, dass die Welt brennt.

Sie frisst dich nicht von außen. Sie frisst dich von innen. An deinen Fundamenten. An deinen Nächten. An dem Geld, das niemals reicht. An den Lügen, die du dir selbst erzählst, bis sie sich wie Wahrheiten anfühlen. Du versinkst. Nicht im Meer. Du versinkst im Schlafzimmer. Im Flur. In den Augen eines Menschen, der dich liebt und dich trotzdem zerstört. Du versinkst mit offenen Augen.

Und die Gesellschaft? Sie hat keine Augen für dich. Sie hat nur Fenster. Fenster, die mit Gardinen zugezogen sind. Sie kennt dich nicht. Sie will dich nicht kennen. Denn du bist kein Held. Du bist kein Opfer. Du bist ein Zwischenfall. Ein Rauschen im Blätterwald. Ein Toter, der noch atmet.

Und so senden die Verzweifelten ihre Maydays. Funksprüche in die Nacht. In das Eis. Wie damals, als die Titanic langsam in den schwarzen Schlund glitt. Sie senden. Und sie senden. Und sie kommen nie an. Sie kommen nie an. Sie kommen nie an.

Natürlich ist es ein Krieg. Wer etwas anderes sagt, hat nie an einer Front gestanden. An der Front des eigenen Lebens. Ein Krieg, in dem es keine Uniformen gibt, nur Narben, die man nicht sieht. Einige kommen nach Hause. Andere nicht. Und jeder, der ankommt, lässt etwas zurück. Ein Stück Lunge. Ein Stück Gedächtnis. Ein Kind, das man nicht retten konnte. Eine Version von sich selbst, die man begraben hat, ohne einen Grabstein.

Und dann kommen sie. Die Geschichten. Die Erzähler mit ihren weichen Stimmen. Sie sagen: Sie war tapfer. Wir haben alles versucht. Sie flechten Kränze aus Worten. Sie machen aus dem Schlachtfeld einen Garten. Sie machen aus dem Blut einen Sonnenuntergang. Denn die Gesellschaft verträgt keinen Kollateralschaden. Sie verträgt kein Blut an den Händen. Sie verträgt kein Kind, das im Dunkeln weint, während die Erwachsenen lügen.

Also beendet die heroische Lüge diese Geschichte. Macht sie zu einer Geschichte. Zu einer, die man sich abends erzählt, wenn man beruhigt einschlafen will. Zu einer, die man weitererzählt, bis sie glatt ist. Bis sie rund ist. Bis sie keine Kanten mehr hat.

Und du? Du fängst an, das Schweigen mehr zu lieben als das Reden. Weil das Reden weh tut. Weil das Reden nichts ändert. Weil das Reden nur neue Lügen gebiert. Du liebst das Schweigen. Du liebst es, wie man einen Feind liebt, mit dem man sich arrangiert hat. Und dann, eines Tages, merkst du, dass du einsam bist. Nicht allein. Einsam. Allein ist ein Zustand. Einsam ist eine Wunde, die nicht heilt. Einsam ist eine Sprache, die niemand mehr spricht.

Du bist einsam. Und du bist zu Hause. Und du weißt nicht mehr, ob das jemals anders war.

Und die Nacht hat immer noch keine Sterne. Nur Adern. Nur Schweigen. Nur dich.

Nachtwandler

Nachtwandler

Bild: Google Gemini


drei uhr. die nacht dunkel. leise. aber nein. regentropfen. von kälte getragen. der wind eisig. das regenrauschen ein vorhang, der sich über die welt legt wie eine hand über einen mund. bin ich krank. was ist los.

die tür. kein klopfen. sie kam. ein gespenst. dunkel. ihre schritte klangen wie finger auf feuchtem holz. sie roch nach alkohol und nach etwas darunter, nach etwas süßlich-verwesendem, nach einem blumenstrauß, der zu lange im wasser stand. ich tat so, als schliefe ich. stellte mich tot. atmete flach wie ein tier im winter. ihre hand fasste mich starr. ihre finger waren kalt wie münzen. sie weckte mich. nicht mit worten. sie weckte mich mit ihrem griff.

geld. wie der endlose regen. geld geld geld. ihre stimme war ein tropfen, der nicht aufhört zu fallen. ich weiß nicht mehr, was ich sagte. vielleicht sagte ich nichts. vielleicht sagte ich ja. das ist das schlimmste. ich weiß es nicht mehr. ihre hand auf meiner brust. ihr atem im nacken. geld. geld. geld. es hörte nicht auf.

am morgen kalt im bett alleine. die decke lag auf dem boden wie etwas, das aus mir herausgefallen war. der junge schlief. sein atem ging ruhig. er hatte zum glück mal nichts mitbekommen. ich sah ihn an und dachte: wenn du wüsstest. aber du weißt nicht. und du sollst nicht wissen. das ist das einzige, was ich dir geben kann. nichts wissen.

oder war es ein traum. die wohnung war leer. sie nicht da. geld weg. ja .. das war es. ich will es vergessen wie einen bösen traum.

aber draußen der regen plätscherte endlos. würde nicht enden. und irgendwo, tief in der wand, hörte ich es noch. geld. geld. geld. wie ein herz, das nicht aufhört zu schlagen, obwohl es längst tot sein müsste.

Wir lebten auf einem sinkenden Schiff

Wir lebten auf einem sinkenden Schiff. Wir merkten es nur an den kleinen Dingen.

Bild: Google Gemini


autofiktionale Prosa in 8 Teilen.

TW: Suizid, Depression, Verlust.

der morgen kam zu früh. aber es gab diesen einen augenblick davor in dem alles still war. kein wasser. kein licht. nur das gefühl zu treiben. und der gedanke blühte auf ganz zart ganz ohne schuld dass der tod auch eine erlösung sein kann. ein anker der endlich hält. dann schlug das herz weiter und mit ihm die pflicht und der tag begann und das schiff neigte sich wieder ein stück.

das kind saß am tisch. die augen groß. vor ihm der brei. grau. ohne zucker. ich hörte das wasser gegen die wand. leise. geduldig. ich hatte es nicht geschafft. wieder nicht. es gab nur das was da war. und ich sah auf seine hände und wusste dass ich ihm das nicht geben konnte was es liebte. nicht heute. nicht gestern. vielleicht nie wieder.

es aß. ohne zu klagen. und ich sagte ihm dass es das essen lieben sollte. dass es gut sei. dass es kraft gebe. jedes wort eine lüge mit einer zärtlichkeit die ich kaum ertrug. denn auch dieser teller würde bald eine bessere goldene vergangenheit sein. irgendwann würde es zurückblicken und sich sehnen nach dem was noch war. das wasser stieg während wir aßen. keiner sagte es.

und dann diese kalte erkenntnis wie schnell es sich einstellte. wie es lächelte. wie es sich an mich lehnte und sagte dass es okay sei. ein kleines kind auf einem sinkenden schiff. und ich hasste mich für die erleichterung und noch mehr für die liebe.

hätten wir die ps5 gekauft damals. hätten wir sie jetzt verkaufen können. aber wir hatten nur gelebt. und jetzt lebten wir nicht mehr. das deck war längst unter uns. wir merkten es nur an den kleinen dingen.

die medikamente. das asthma. ich streckte sie. ein hub weniger. ein tag mehr. ich nutzte was noch da war. aber ich. ich nahm keine mehr. nicht für mich. und ich war dankbar. dankbar dass ich nichts mehr brauchte.

abends machte ich das licht aus. bevor es zum letzten mal ausging. ich übte das dunkel. ich übte die stille. und das schiff sank weiter. ganz langsam. ganz leise.

aber ich durfte nicht sterben. wegen des kindes. ich musste bleiben. ich musste atmen. und so saß ich da im dunkeln und hörte das wasser. und wie das kind schlief. und wie ich blieb. und blieb. und blieb.

noir

noir / für einen feed in fünf teilen

Bild: Google Gemini


— 1 —

ich habe einer frau geschrieben,
dass ihr gesicht ein filter ist
und ihr filter ein gesicht,
das niemand mehr ohne publikum erträgt.

die app hat es gefressen.

gnade für uns beide.

— 2 —

3 uhr nachts.
hundert gesichter, ein gesicht.
hundert herzen, kein herz.

sie hält den arm in die höhe
wie ein schaufenster ohne tür.
es bleiben viele stehen.
keiner geht hinein.

— 3 —

sie nennt es liebe.
ich nenne es handel.

sie bietet sich an
wie ein bettelnapf aus glas,
und jeder blick hinein
ist eine münze,
und jede münze
ein bisschen weniger hunger.

— 4 —

wir sind alle käuflich.
nur manche verkaufen sich
mit besserer beleuchtung.

und die, denen man die böse schnute zeigt,
sind die, auf die man nicht angewiesen ist.
das zeigt man ihnen.

— 5 —

sie läuft weiter durch ihre gewissheit.
soll sie.

die straße ist lang,
der feed ist länger,
und am ende wartet keiner.

auch nicht der algorithmus.
auch nicht ich.

er tippt es. löscht es. tippt es wieder.

gnade.

onlinebabel

onlinebabel Bild: Google Gemini 1 die nacht ist ein blauer bildschirm der nicht ausgeht. 2 sie sitzt im licht d...